Mutiger Höhenflug
von Ute Eschenbacher/Nordbayerischer Kurier
BAYREUTH. Christopher kniet am Boden, hält den Gurt mit den
Beinschlaufen auseinander. „So, erst den linken Fuß, dann den rechten
Fuß, jetzt hochziehen, nun sieht das doch schon besser aus.“ Der
Student schaut nach oben, richtet sich auf. Vor ihm steht der spastisch
gelähmte Willy, die lange Trainingshose schlappert an den dünnen
Beinen, seine Füße laufen spitz zu, die Hände sind leicht abgewinkelt.
„Er braucht immer die größten Kletterschuhe!“, ruft Übungsleiter Willi
Klöcker herüber. Gerade ist er dabei, die Ausrüstung an die Kletterer
zu verteilen, die an diesem Tag mit in die Kletterhalle nach Forchheim
gefahren sind. Alles dabei? Schuhe, Gurte, Seile, Sicherungsgerät,
nichts vergessen!
Die Fachgruppe Bergsteigen bei den Naturfreunden Bayreuth bietet seit
einigen Jahren an, was vielen vielleicht unmöglich erscheint: Klettern
für Menschen mit Behinderung. Zusammen mit Jugendlichen ab 16 Jahren
aus dem Heilpädagogischen Zentrum und dem Familienentlastenden Dienst
klettern sie monatlich in Bayreuth und fahren einmal im Jahr raus an
die Felsen oder wie jetzt in die Kletterhalle.
Nach und nach bilden sich
Zweier-Teams aus Behinderten und Nichtbehinderten, die als erfahrene
Sicherer am Boden bleiben. An den niedrigeren Wänden werden die ersten
Kletterversuche zum Aufwärmen unternommen. Willy ist in das Seil
eingebunden und legt los, er ist seit fünf Jahren dabei. Konzentriert
setzt er einen Fuß nach dem anderen auf die farbigen Knubbel in der
Wand, sucht sich die passenden Griffe und zieht sich Tritt für Tritt
nach oben. Als er Routenende angelangt ist, strahlt er über das ganze
Gesicht. Vorsichtig lässt ihn Christopher wieder herab auf den
Hallenboden.
Gefahrloses ausprobieren
„Für manche ist das Klettern eine Mutprobe, andere haben einfach Spaß
daran“, sagt Erzieherin Silke Schreiber-Cordts. In der Gruppe mit
erfahrenen Kletterern als Begleitern können die Jugendlichen einen
neuen Sport gefahrlos ausprobieren. Sicher, anfangs wurde schon viel
nachgeholfen, die Jungen und Mädchen mit Hilfe des Seils fast
hochgezogen, erzählt sie. Vor fast zehn Jahren hatte sie die Idee, den
behinderten Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, einmal eine ganz
neue Sportart jenseits der üblichen Behindertensportarten zu erproben.
Damals war es eine reine Jungengruppe, mit der sie die ersten
Kletterschritte übte. Heute ist die Gruppe gemischt, wenngleich die
männlichen Teilnehmer in der Überzahl sind.
Gut fürs Selbstwertgefühl
Wie sich Klettern positiv auf das Selbstwertgefühl auswirken kann,
schildert Silke Schreiber-Cordts am Beispiel eines autistischen Jungen.
„Anfangs hat er die Berührung mit dem Gurt nicht ertragen, dann hat er
sich Schritt für Schritt mehr getraut, schließlich war er so
begeistert, dass er gar nicht mehr aufhören wollte.“
In der Gruppe sind überwiegend Jugendliche, die als geistig behindert
gelten, einer hat das Down-Syndrom. Überfordert das Klettern die
gehandicapten Menschen nicht? Nein, finden die Betreuer, es hat auf sie
diesselbe gute Wirkung wie auf Nichtbehinderte: Sie testen ihre
Grenzen, lassen sich auf eine neue Bewegungsform ein und freuen sich,
wenn sie es geschafft haben, oben anzukommen. „Kraft, Koordination und
Mut sind erforderlich, man wird in vielen Bereichen gefordert“, sagt
Peter Pöhlmann, der am Graf-Münster-Gymnasium eine Schülerklettergruppe
leitet und dessen Sohn Alexander dabei ist, der 37-Jährige mit dem
Down-Syndrom. „Ich finde das ist eine tolle Sache, Klettern ist
faszinierend und gibt unglaublich viel Selbstvertrauen.“
Vater und Sohn
Mit seinem Sohn ist er schon früher im Kreis der Familie klettern
gegangen. Alexander ist sehr sportlich, trotzdem strengt ihn das
Klettern an. Neben Kraft und Ausdauer ist auch Konzentration gefragt.
„Nicht vergessen, die Füße nachzusetzen“, mahnt Tom, der das Seil mit
dem Sicherungsgerät hält. Keiner muss weitermachen, wenn er nicht mehr
will. Langsam arbeitet sich Alexander vorwärts, um dann zu jubeln: „Ich
habe es geschafft, Papa!“ Er winkt und ist am Ende einer Route im
leichteren Vierer-Schwierigkeitsgrad angelangt.
Wer eine Pause machen will, setzt sich auf die Holzbänke in der Mitte
der Halle und ruht sich aus. Wie die beiden mitgekommenen Mädchen, die
von hier aus lieber das Geschehen um sie herum beobachten, als es an
die längeren Strecken geht.
Alexander ist zufrieden mit sich, beim ersten Mal hat er es nicht
geschafft, weil die Kraft nicht mehr reichte. Umso besser, dass der
zweite Versuch gelang. „Mir gefällt das sehr gut“, sagt er und kommt
langsam wieder zur Ruhe. Er macht viel Ausdauersport, läuft, schwimmt.
Draußen an den Felsen der Fränkischen Schweiz ist das Klettern nochmal
ein anderes Erlebnis, ist er sich mit Michael einig. „Das ist echt
cool“, schwärmt Michael von dem Ausflug im vergangenen Jahr.
Faszinierend ist besonders die Höhe, ergänzt Sven, der das
Klettertraining für einen guten Ausgleich hält. Worin Behinderte und
Nichtbehinderte gleichermaßen übereinstimmen.
Nordbayerischer Kurier vom 28.01.09
... und hier der Originalbericht vom Nordbayerischen Kurier.
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